Scalping: Die anspruchsvollste Unterform des Daytradings
Einordnung: Scalping ist eine Unterform von Daytrading. Wenn du die Grundlagen noch nicht hast, fang dort an.
Scalping ist Daytrading mit dem Fuß auf dem Gaspedal: Haltedauer Sekunden bis Minuten, 20–100 Trades am Tag, Ziele von wenigen Ticks.
Die Mathematik verschiebt sich dabei komplett. Du brauchst keine 1:3-Chance-Risiko-Verhältnisse, sondern eine Trefferquote von 65–75 % bei nahezu 1:1. Das heißt: dein Vorteil ist nicht die Analyse, sondern Ausführungsqualität und Kostenstruktur.
Und genau da scheitert es bei fast allen: Mit Standard-Gebühren bei einem Retail-Broker ist profitables Scalping arithmetisch nicht möglich. Das ist keine Meinung, das ist eine Rechnung.
Die Kostenrechnung, die über alles entscheidet
Rechne ehrlich mit, bevor du einen Cent investierst. Angenommen: 40 Trades am Tag, Ziel 8 Ticks, Stop 8 Ticks, Trefferquote 68 %.
Brutto pro Tag: (27 × 8) − (13 × 8) = 112 Ticks. Bei 5 € pro Tick wären das 560 €. Jetzt die Kosten: 40 Round-Turns × 4 € = 160 €. Bleiben 400 €.
Jetzt dasselbe mit 9 € pro Round-Turn: 360 € Kosten, Rest 200 €. Und mit einer Trefferquote von 60 % statt 68 %: brutto (24 × 8) − (16 × 8) = 64 Ticks = 320 € minus 360 € Kosten = Verlust. Eine Verschiebung um 8 Prozentpunkte dreht das ganze Geschäftsmodell.
Was technisch nicht verhandelbar ist
Scalping ist der einzige Stil, bei dem die Infrastruktur Teil der Strategie ist.
- Level-2-Orderbuch und Time & Sales, nicht nur Kerzen.
- Hotkeys für Entry, Exit und Flatten – wer mit der Maus klickt, ist zu langsam.
- Direct Market Access, keine Market-Maker-Weiterleitung.
- Stabile Verbindung mit niedriger Latenz. Ein 200-ms-Lag frisst dein Ziel auf.
Der mentale Preis
100 Entscheidungen am Tag bedeuten 100 Gelegenheiten, von deinem Plan abzuweichen. Nach zwei Stunden Scalping ist deine Entscheidungsqualität messbar schlechter – das ist Physiologie, nicht Schwäche.
Deshalb gilt für Scalper eine harte Regel: feste Sitzungsdauer, feste Trade-Obergrenze pro Tag. Wer nach dem Limit weitermacht, handelt nicht mehr seine Strategie, sondern seine Müdigkeit.
Typische Setups
Orderbuch-Absorption
Große Order wird auf einem Level abgearbeitet, ohne dass der Preis durchbricht.
Tape-Reading-Momentum
Beschleunigung im Time & Sales bei gleichzeitigem Rückzug der Gegenseite.
Range-Ränder
In engen Spannen gegen die Extreme handeln, solange das Volumen nicht ausbricht.
Die Risiken, die dieser Stil mitbringt
- Kostenstruktur: der häufigste und am besten vorhersagbare Totalverlust-Grund.
- Slippage bei News – ein einzelner Spike kann 20 gewonnene Scalps auslöschen.
- Entscheidungsmüdigkeit: die Qualität fällt, lange bevor du es merkst.
Scalping: häufige Fragen
Ist Scalping für Anfänger geeignet?
Nein. Scalping setzt voraus, dass du deine Ausführung bereits beherrschst und deine Kostenstruktur kennst. Wer als Einsteiger scalpt, lernt nicht schneller – er verliert nur schneller, und zwar bevor er genug Daten für eine Auswertung hat.
Wie viele Trades macht ein Scalper pro Tag?
Typisch 20–100, je nach Markt und Volatilität. Mehr ist kein Qualitätsmerkmal. Die besten Scalper, die ich kenne, haben feste Obergrenzen und hören auf, wenn sie erreicht sind.
Welche Trefferquote braucht man beim Scalping?
Bei einem Chance-Risiko-Verhältnis um 1:1 brauchst du nach Kosten etwa 60–70 %. Das klingt erreichbar, ist es aber nur mit institutionellen Gebühren und sauberer Ausführung.
Funktioniert Scalping mit CFDs?
Technisch ja, wirtschaftlich fast nie. Der Spread ist beim CFD Teil der Kosten und bei den kurzen Zielen des Scalpings proportional viel zu groß. Rechne den Spread in Ticks um und vergleiche ihn mit deinem Ziel – meist ist die Antwort nach dieser einen Rechnung klar.